Ministerpräsident Günther H. Oettinger im Interview

In der Märzausgabe von Germany Contact Russia (GCR) erläutert der Ministerpräsident des Landes
Baden-Württemberg Günther H. Oettinger die Stärken des deutschen Südwestens und erklärt, welche
Perspektiven die Zusammenarbeit mit Russland birgt.


GCR:
Wo liegen die wirtschaftlichen Stärken Baden-Württembergs?

Oettinger: Baden-Württemberg ist die exportstärkste deutsche Industrieregion. Im Maschinenbau
und im Automobilbau aber auch bei anderen wichtigen Zukunftstechnologien gehören wir zu den
führenden Regionen weltweit. Prägend für Baden-Württemberg ist die hohe Innovations- und
Forschungskraft vor allem auch im produzierenden Gewerbe. Und obwohl Baden-Württemberg
für Global Player wie Daimler, Bosch oder SAP bekannt ist, stehen ganz besonders auch die vielen
mittelständischen Unternehmen für den wirtschaftlichen Erfolg unseres Bundeslandes.


GCR:
Wie sind die Unternehmen Ihres Bundeslandes von der Finanzkrise betroffen?

Oettinger: Baden-Württemberg ist überdurchschnittlich exportorientiert. Da die meisten und wichtigsten
internationalen Märkte von der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise betroffen sind, hat dies gravierende
Auswirkungen auf baden-württembergische Unternehmen. Sorgen machen auch Signale aus der mittelständi-
schen Wirtschaft, dass der Zugang zu Krediten schwieriger geworden ist. Doch bin ich sicher, dass jetzt
aufgeschobene Investitionen nachgeholt werden, sobald sich die Weltwirtschaft erholt. Das bringt unserem
Land und seiner Wirtschaft dann wieder einen überdurchschnittlichen Aufschwung.


GCR:
Welche Unterstützung gewährt das Land vor allem der mittelständischen Wirtschaft?

Oettinger: Die Förderung der  mittelständischen Wirtschaft hat in Baden-Württemberg eine lange Tradition.
Vor über 30 Jahren wurde das erste Mittelstandsförderungsgesetz erlassen. Schwerpunkte sind vor allem
die Unterstützung neuer Unternehmen sowie bei Unternehmensnachfolgen. Eine wichtige Funktion hat
die Beratung von kleinen und mittleren Unternehmen bei betriebswirtschaftlichen und technischen Fragen.
Die Unterstützung bei Innovationen hat für unsere Unternehmen eine hohe Bedeutung, weil für ein
High-Tech-Land wie Baden-Württemberg der technologische Vorsprung bei der Produktentwicklung ein
entscheidendes Kriterium für wirtschaftlichen Erfolg ist. Ohne neue zukunftsfähige Produkte und Dienstleistungen
könnte Baden-Württemberg als rohstoffarme Region nicht dauerhaft wirtschaftlich erfolgreich bleiben.
Innovationsförderung vollzieht sich vor allem über unser flächendeckendes Netz an wirtschaftsnahen
Forschungseinrichtungen. Und wir betreiben seit Jahren ein funktionierendes Technologietransfersystem,
um Forschungsergebnisse schnell in verbesserte Produkte umsetzen zu können. Schließlich unterstützen wir
unsere kleinen und mittelständischen Unternehmen bei der Erschließung ausländischer Märkte.
Baden-Württemberg International, unsere Außenwirtschaftsagentur, organisiert mit finanzieller Unterstützung
des Landes weltweit Markterschließungsmaßnahmen in Form von Kontakt- und Kooperationsbörsen,
Messebeteiligungen und Technischen Symposien. Das alles macht Baden-Württemberg zur Innovationsregion
Nr. 1 in Europa!


GCR:
Warum ist Russland für Baden-Württemberg ein wichtiger Zukunftsmarkt?

Oettinger: Die russische Wirtschaft ist in den letzten Jahren sehr dynamisch gewachsen. Dazu haben unsere
Unternehmen mit der Lieferung von Investitionsgütern stark beigetragen.  Der derzeitige, der weltweiten
Finanz- und Wirtschaftskrise geschuldete Einbruch in dieser Entwicklung wird daran langfristig nichts ändern.
Unsere Unternehmen sind an verlässlichen und langfristigen Wirtschaftsbeziehungen interessiert, die auch diese
Schwächephase überdauern. Auch das Ziel der russischen Regierung, zur nachhaltigen wirtschaftlichen Entwicklung
die Diversifizierung der stark auf den Energie- und Rohstoffsektor ausgerichteten Ökonomie voranzutreiben, wird
uns weiterhin in Russland einen attraktiven Wirtschaftspartner sehen lassen. Unser leistungsfähiger Investitionsgütersektor
in Baden-Württemberg wird in Zukunft noch stärker als bisher einen wichtigen Beitrag zur Modernisierung der
russischen Wirtschaft leisten können. Schon heute ist Russland einer der wichtigsten Märkte für baden-württembergische
Maschinen, Anlagen, aber auch hochwertige Konsumgüter aller Art.


GCR:
Wie können Exporte nach Russland gefördert werden?

Oettinger: Zum einen können baden-württembergische Unternehmen bei der Finanzierung von Exportgeschäften und
Auslandsprojekten in Russland die Instrumente in Anspruch nehmen, die wir in Deutschland anbieten. Dies sind zum
Beispiel die Exportfinanzierungskredite der Ausfuhrkreditanstalt, die langfristigen Export- und Projektfinanzierungen,
die die KfW oder die DEG anbieten und nicht zuletzt die so genannten Hermesdeckungen, also die Exportkreditgarantien.
Die L-Bank – Staatsbank von Baden-Württemberg, eine 100%-ige Landestochter, bietet in ihrem Portfolio Auslands-
finanzierungen an, die vor allem das Risiko der Hausbank des baden-württembergischen Unternehmens absichern und
damit die Finanzierung erleichtert. Zudem hat die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) seit 2006 eine Repräsentanz
in Moskau, die besonders kleine und mittlere Unternehmenskunden bei der Finanzierung ihrer Geschäfte unterstützt.


GCR:
Welche Bedeutung hat für Baden-Württemberg die Zusammenarbeit mit russischen Regionen und wo liegen die Schwerpunkte?

Oettinger: Als föderales Bundesland hat Baden-Württemberg auch Interesse an regionalen Kontakten und regionaler
wirtschaftlicher Zusammenarbeit. Dem kommt die föderale Struktur Russland entgegen. Die Schwerpunkte unserer
Zusammenarbeit mit Russland sind Moskau, Sankt Petersburg und das Gebiet Swerdlowsk. Heute ist viel von
Leuchtturmprojekten die Rede. Baden-Württemberg hat seinen „Leuchtturm“ in Russland gemeinsam mit der
Swerdlowsker Gebiet bereits Mitte der 1990-er gebaut. Das Mittelstandsförderungszentrum des Swerdlowsker
Gebietes, das von uns mit erheblichem finanziellem Aufwand durch Beratung, Qualifizierung und Technische Hilfe
unterstützt wurde, arbeitet heute erfolgreich und wurde zum Regierungskomitee für die Entwicklung des Kleinunternehmertums
aufgewertet. Es hat in dem stark durch Großkombinate geprägten Uralgebiet zum Entstehen mittelständischer Strukturen
wertvolle Beiträge geleistet. Unsere im Jahr 2007 gegründete Partnerschaft mit der Stadt Moskau hat sich auf praktisch
allen Gebieten der Zusammenarbeit hervorragend entwickelt und findet nun in den „Baden-Württemberg-Tagen 2009“
ihren vorläufigen Höhepunkt.


GCR:
Was plant Baden-Württemberg zur Intensivierung der Zusammenarbeit mit Russland und welche Kooperationsfelder
sind besonders interessant?

Oettinger: Die „Baden-Württemberg-Tage in Moskau“ vom 25. bis 27. Mai 2009 sind der Höhepunkt unserer weltweiten
Auslandsmaßnahmen in diesem Jahr. Im Mittelpunkt der Baden-Württemberg-Präsentation stehen ein Wirtschaftsforum
mit den Schwerpunktthemen „Innovative Produktionstechnik“, „Medizintechnik und Gesundheit“, „Infrastruktur in
Metropolregionen“ sowie das „Automobilland Baden-Württemberg“ mit seinen internationalen Verflechtungen.
Das Wissenschaftsforum steht im Zeichen der Nanotechnologie, eine Zukunftstechnologie mit großem Potential. Das
Ganze wird durch die Leistungsschau  „Innovationsregion Baden-Württemberg“ eingerahmt. Künstlerische Darbietungen,
kulinarische und touristische Höhepunkte bis hin zur Darstellung unserer geschichtlichen Gemeinsamkeiten werden
Baden-Württemberg als sympathischen und starken Partner Russlands präsentieren. Auch in künftigen Jahren muss Russland
mit seiner Hauptstadt und den starken Regionen ein vorrangiges Ziel unserer Maßnahmen bleiben. Ich stelle mir vor, dass
wir künftig pro Jahr zwischen zwei und vier Maßnahmen in Russland durchführen werden. Ein wesentlicher Impuls für den
Ausbau unserer Wirtschaftsbeziehungen wird das neue „German Centre Moscow“ der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW)
sein. Gerade für mittelständische Unternehmen bietet sich die Möglichkeit mit überschaubarem Risiko ein Engagement in
Russland zu beginnen und in diesen interessanten Markt einzusteigen. Die weltweit von unserer Landesbank LBBW und weiteren
Trägern betriebenen „German Centres“ sind ein Erfolgsmodell! Auch die im Petersburger Dialog ausgerufene Modernisierungs-
partnerschaft zwischen Russland und Deutschland bietet für unsere Unternehmen hervorragende Chancen. Gerade die gefragten
Bereiche Produktionstechnik, Energieeffizienz, Erneuerbare Energien, Umwelttechnik, Medizintechnik sind im Innovationsland
Baden-Württemberg besonders stark.


Das Interview ist im Baden-Württemberg-Spezial von Germany Contact Russia erschienen.
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